Alles, was es über Bildung zu sagen gibt!

Ich bin absoluter Oskar Negt Fanboy. Sein radikaler Blick auf Bildung, und das was sie sein sollte, ist grundlegend und wichtig. Für mich sind Oskar Negts Gedanken ein Gradmesser meiner eigenen bildungsaktivistischen Bestrebungen. Vor kurzem bin ich im Netz über einen weiteren Artikel des Sozialphilosophen gestolpert, den ich hier in Auszügen Teilen will:

“Lernen ist nicht nur eine Frage der Aneignung und der schnellen Addition von Informationen, sondern unabdingbar eine Frage der Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten. Dieser Arbeitsprozess hat seine handwerklich-gegenständliche Struktur behalten. Zugleich ist Bildung auch im Sinne heute notwendiger Schlüsselqualifikationen wesentlich verknüpft mit der Entwicklung innerer Reserven und geistiger Vorratshaltung. Zweifellos scheint dem entgegenzustehen, was gegenwärtig in der Öffentlichkeit und im Bildungssystem geschieht. Dass dieselben betriebswirtschaftlichen Normen, die für den Einzelbetrieb gelten – immer schneller, effektiver, flexibler sein zu müssen –, auch den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang und Lebensbereiche sichern sollen, die sich den schlichten Marktkriterien der Warenproduktion und des Warentauschs offensichtlich nicht fügen, das ist Resultat der Vernebelung öffentlicher Vernunft.

Wer im Bildungsressort heute stolze Einsparungen vorzuweisen hat, wird in wenigen Jahren merken, dass im Innenressort mehr Mittel für Polizei und Gefängnisse, im Gesundheitswesen mehr Geld für psychosoziale Betreuung und Suchtbehandlung bewilligt werden müssen; der Grund dafür wird dann allerdings vergessen sein. Diese Unterschlagung von Wirklichkeit verläuft nach System.

Der betriebswirtschaftliche Imperialismus, der jetzt die Schulen, Universitäten, Forschungslabors und Einrichtungen der Erwachsenenbildung zu erobern entschlossen ist, trifft auf eine harte Grenze, die in der Sache begründet ist: Die in diesen Einrichtungen ablaufenden Arbeitsprozesse folgen Zeitverhältnissen, die sich grundlegend von denjenigen der industriellen Produktion und der Dienstleistungen unterscheiden. Kreative Prozesse der Persönlichkeitsbildung sind unabdingbar an die Möglichkeit und die Erlaubnis geknüpft, Nebenwege, ja Abwege beschreiten zu können. Völlig durchrationalisierte Lernschritte würden sich deshalb letzten Endes als unökonomisch und ineffizient erweisen. Bildung und Lernen, die den sachlich informierten und gesellschaftlich orientierten Menschen, letztlich den urteilsfähigen, mündigen Bürger zum Zweck haben, sind von eigensinnigen Abläufen geprägt.

Wer jedoch eine Schule oder eine Universität nach Regeln der Betriebswirtschaft gestalten will, die sich auch auf die darin stattfindenden Arbeitsprozesse – auf emotionales, kognitives, soziales Lernen – richten, hat einen bestimmten Menschentypus im Auge, den David Riesman treffend als außengeleitet kennzeichnete: den flexiblen, allseitig verfügbaren Menschen, anpassungsfähig, als Trabant um die Sonne des Kapitals kreisend. Erinnerungs- und Utopiefähigkeit wären für ihn ebenso überflüssiger Ballast wie innere Reserven und Menschen, die eigensinnige Wege beschreiten.

Der innengeleitete, kritikfähige Mensch bedarf der Reserven, der inneren Lagerhaltung, die ihm situationsunabhängige Selbstdeutungen im gesellschaftlichen Zusammenhang ermöglichen. Bildung ist wesentlich auch Entwicklung von Eigensinn, von Wissens- und Urteilsvorräten, die nicht immer unmittelbar anwendungsfähig sind. Lernen und Bildung können heute nur noch in einer Doppelbedeutung begriffen werden: als sachlicher Kompetenzerwerb (ob es sich nun um Kulturtechniken, um ökonomisches oder technisches Wissen handelt) und als Orientierung, als Suche nach Antworten auf Fragen wie:„Wo stehe ich?“ “Wo komme ich her?“ „Was sind meine Lebensziele?“ oder: „Was ist der gesellschaftliche Boden, auf dem ich mich bewege?“ Kompetenzerwerb und Orientierung gehören unabdingbar zusammen – das gilt für schulisches Lernen genauso wie für berufliche Bildung und das Lernen von Erwachsenen.”

Um diesen verheerenden Zuständen Abhilfe zu schaffen, schlägt Negt die Ausbildung von 6 Kompetenzen vor. Wenn ihr jetzt noch weiterlesen wollt, dann tut das HIER!. Es lohnt sich…

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