Die Schönheit des Fragezeichens?

Wenn wir wirklich lernen wollen, dann sollten wir zu einem neuen Verständnis über das (Nach)Fragen finden. Zu häufig setzen wir Expertise und Wissen mit dem Ausrufezeichen gleich! Das Ausrufezeichen ist die semantische Begrenzung der Neugier! Hier gibt es nichts mehr zu entdecken! Es ist alles gesagt! Das hier ist die Wahrheit! Im Gegensatz dazu ist das Fragezeichen – auch schriftbildlich – einem Fluss, den es zu erkunden gilt, nicht unähnlich. Finden wir hier nicht eine kreisförmige Bewegung, einen verschlungenen Pfad, den es zu erkunden gilt? Während dem Ausrufezeichen das Ende des Austausches bereits innewohnt!

Der Reihe nach:

Kürzlich waren wir zu Gast im House of Beautiful Business und sind die große Welle virtuell geritten – eine 4 tägige Web-Konferenz für “Business Romantics, Misfits and Mavericks, Humanists and Antimists, Dreamers and Changemakers, Poets and Rebels!”

Wir hatten die große Hoffnung, einige wichtige Einblicke in “The Art of Digital Hosting” zu bekommen und zu sehen wie Web-Konferenzen so gestaltet werden können, dass echte Verbindung zwischen Menschen auch im virtuellen Raum möglich werden. Leider haben wir kaum Antworten auf diese Frage bekommen, dafür sind wir aber dem Wesen der Frage selbst auf die Schliche gekommen: Viele der Web-Talks endeten mit Einladungen zu Q&A-Sessions. Auffällig war, wie viele der Hosts auf Fragen mit den Worten: “Thank you for your question” reagierten – und es auch wirklich so meinten. Uns ist in diesen Momenten nochmal klar geworden, dass Fragen – besonders im englischen Sprachraum – anders gesehen werden, als es in Deutschland häufig der Fall ist. Während wir in Deutschland dem gefühlten Eindruck unterliegen, dass (Nach)Fragen von Unwissenheit und nicht zuletzt kognitiver Beschränktheit zeugen, begreifen andere Kulturen das Fragen als Bereicherung. Weder Fragende noch Befragte haben Angst davor mit ihrem Nichtwissen in Berührung zu kommen. Sie begreifen das kleine Zeichen am Satzende nicht als scharfe, stählerne Sichel, die sie einen Kopf kürzer machen will, sondern im Gegenteil als einen Haken, an dem sie sich in neue Höhen ziehen können.

Schon in der Schule bekommen wir beigebracht besser aufzupassen, statt Fragen zu stellen. Fragen und Fragende werden als “dumm” bezeichnet und als störende Verzögerung gebrandmarkt. Unser kindlich-wissenschaftliches “Warum?” wird mit dem Eintritt in die Schule zunehmend geächtet. An die Stelle des Fragezeichens tritt das Ausrufezeichen. Die Antwort wird wichtiger als die Frage. Sie ist das vermeintliche Gegengift für unsere kollektive Ignoranz – Das Ausrufezeichen ist so zum Knüppel zwischen neugierigen Beinen geworden. Und heute sind wir soweit, dass wir uns gegenseitig mit Ausrufezeichen bis aufs Blut bekämpfen, statt uns mit ehrlichen Fragen gegenseitig zu entwaffnen. Keine Antwort zu haben, erscheint uns dumm und naiv. Auch deshalb sehen wir in den Medien kaum noch echte Debatten oder Diskurse… alle sind bis an die Zähne mit Ausrufezeichen bewaffnet. Semantisches Säbelrasseln.

Selbst in offenen Fragerunden ist häufig zu beobachten, dass überhaupt keine Fragen mehr gestellt werden. Stattdessen dominieren in diesen Runden lange gedankliche Exkursionen, die mit Thesen enden, zu denen sich der Befragte dann verhalten darf. Aus lauter Angst vor der (dummen) Frage, wird nun die eigene Sicht der Dinge neben die des Anderen gestellt. Ein Gespräch entsteht so selten. Wir als Fragende erliegen zu oft der Versuchung unser eigenes “Wissen” der Frage voranzustellen. Erst wenn wir uns ganz sicher sind, dass wir selbst nicht dumm dastehen, finden wir den Mut das Fragezeichen zu verwenden.

Und was passiert, wenn wir gefragt werden? Wir bedanken uns nur selten für fragendes Interesse. In uns schwelt vielmehr die Angst, dass uns die Antworten ausgehen und wir Fragen nicht “entkräften” können. Eine Frage hat in der Vergangenheit oftmals einen Angriff bedeutet. LehrerInnen haben uns niemals aus Neugier, sondern nur zu Zwecken überprüfender Gewissheit gefragt. Austausch war selten das Ziel und Asymmetrie immer der Ausgangspunkt. Und so haben wir das Fragen ganz bewusst verlernt. Mehr noch… wir fürchten uns vor dem Unwissen, denn wir haben internalisiert das es vor Strafe nicht schützt.

Was würde sich ändern, wenn wir Fragen als den Ausgangspunkt für Wachstum begreifen würden? Für uns und für andere? Für Lehrende und Lernende? Das Wesen der Frage ist Neugier. Wachstum. Verletzlichkeit. Dem Wesen der Frage wohnen also all jene Qualitäten inne, die wir brauchen, um Zukünfte zu denken und imaginieren zu können. Die Frage ist der Beginn von etwas Neuem… die Antwort häufig nur das Ende. Sollten wir uns vielleicht darum bemühen mit Dankbarkeit auf Fragen zu reagieren? Sind Fragen am Ende vielleicht Bildungsangebote, die uns neue Horizonte eröffnen? Führen uns Fragen vielleicht heraus aus unseren Echokammern und Komfortzonen? Könnte es sein, dass uns Fragen beweglicher, kreativer und klüger machen als Antworten? Sind das alles vielleicht nur rhetorische Fragen, die allesamt bereits die Antwort enthalten?

Ja!

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